Ringvorlesung Lateinamerika Sommersemester 2025
Seit vielen Jahren veranstalten das Zentrum Lateinamerika (CLAC) und der Arbeitskreis Spanien-Portugal-Lateinamerika (ASPLA) eine interdisziplinäre Ringvorlesung zu kultur-, politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Themen mit Lateinamerikabezug. Die Vortragsreihe richtet sich an Studierende aller Fakultäten der Universität zu Köln, an Gasthörer*innen, Lehrer*innen und Schüler*innen sowie die interessierte Öffentlichkeit und umfasst Beiträge herausragender nationaler und internationaler Expert*innen verschiedener Fachbereiche.
Rassismen und antirassistischer Widerstand. Perspektiven aus Lateinamerika.
Lateinamerika ist ein Weltregion, die früh durch Europäer kolonisiert wurde und wo aufgrund des interkontinentalen Handels mit Menschen aus Afrika, die in Amerika versklavt wurden, geprägt war. In der Kolonialzeit entstand basierend auf den interkontinentalen Migrationen im Zusammenhang mit den ungleichen Machtverhältnissen zwischen Kolonisierten, Kolonisierern und Verschleppten soziale Strukturen, die auf der Hierarchisierung von Menschengruppen nach ihrer Herkunft basierten. Indigene sowie afrikanischstämmige Menschen wurden von den spanischen und portugiesischen Kolonisten unterdrückt, in Zwangsarbeitsverhältnisse gezwungen und sie hatten eine andere Rechtsstellung als Europäer und deren Nachfahren in Amerika. Diese Verhältnisse bildeten die Grundlage für Rassismen, die bis heute fortbestehen. Schwarze werden in Lateinamerika ebenso diskriminiert wie Indigene, wenngleich die Formen der rassistischen Ausgrenzung für beide Gruppen nicht deckungsgleich sind. Gegen die Diskriminierung hat es von Beginn an auch Widerstand gegeben. Beides wird in der Ringvorlesung behandelt.
Programm
Was ist Rassismus? - Silke Hensel
"Blutreinheit", "Calidad", und Rassismus im kolonialen Hispanoamerika - Dr. Sarah Albiez Wieck
Engineering Sovereignty: Infrastructure projects, nationalism and the politics of knowledge in late nineteenth-century Spanish America - Nicola Miller (University College London) (Englisch)
Infrastructure projects generated major public controversies in late nineteenth-century Spanish America, especially when concessions were granted to US or European companies instead of to local enterprise. This paper analyses three examples, through the lens of the history and politics of knowledge. It develops two main themes. First, these disputes were framed in terms of questions about the status and legitimacy of knowledge. Representatives of European or US companies claimed that they offered the only sure route to scientific progress; engineers working in Latin America countered that the outsiders knew nothing of American conditions. Even though political, economic, and diplomatic factors all conditioned decisions about such potentially lucrative projects, it is hard to understand the outcomes without due regard to the history of emerging hierarchies of knowledge. Second, scientific expertise developed in the region was crucial to the success of major infra-structural projects, some of which turned into expensive disasters for lack of it, or, rather, for lack of appreciation of its importance. Science from the Americas was required to complement science from Europe, despite European claims to universalism. Moreover, the increasing conviction that knowledge from the Americas was both useful and legitimate was a necessary condition for making economic nationalism seem not only desirable but also possible.
Straßenbau, Automobilkultur und Panamerikanismus in den 1920er und 1930er Jahren - Mario Peters (GHI Washington) - ONLINE
In den 1920er und 1930er Jahren entwickelte sich in den Ländern Lateinamerikas eine ausgeprägte Automobilkultur, die mit einer stetig ansteigenden Anzahl von Kraftfahrzeugen einherging. Handelte es sich dabei zunächst vor allem um ein urbanes Phänomen, so wurden der Bau von Überlandstraßen und die Förderung individueller Mobilität bald zu zentralen Bestandteilen der Agenda staatlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure, die die Formierung nationaler Identitäten anstrebten und Mobilität als Schlüsselelement für Fortschritt und Modernisierung propagierten. Durch das Reisen mit dem Automobil sollte den Menschen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Heimatländer kennen zu lernen und mit ihren Landsleuten in Kontakt zu kommen. Gleichzeitig wurden Mobilität und Verkehr im Kontext der beginnenden Automobilisierung auch zu zentralen Aspekten in den interamerikanischen Beziehungen. Die Vereinigten Staaten unterstützten Straßenbauprojekte in Lateinamerika und Experten aus Nord- und Südamerika begannen mit der Planung des Pan-American Highway, einem transamerikanischen Autobahn-Netzwerk. Die Vorlesung gibt zunächst einen Überblick über die frühe Entwicklung der Automobilität und ihrer Infrastrukturen in Lateinamerika. Anschließend werden anhand eines konkreten Fallbeispiels, der Autostraße zwischen São Paulo und Rio de Janeiro, die lokalen und internationalen Dimensionen von Verkehrsinfrastrukturprojekten analysiert.
Mediale Raumvermessungen zwischen Trennung und Transgression: Die Eisenbahn im im filmischen Werk Fernando Birris. - Christian Wehr (Universität Würzburg)
Der argentinische Regisseur und Filmtheoretiker Fernando Birri (1925-2017) gründete am Ende der 1950er Jahre eine eigene, sozialistisch orientierte Filmpoetik und -schule. Gerade seine Werke aus dieser Anfangszeit stellen wiederholt das Medium der Eisenbahn ins Zentrum. Es wird bei ihm zum kritischen Sinnbild sozialer Kluften und Trennungen, aber auch satirischer Transgressionen der bestehenden Verhältnisse. Standen die staatlichen Investitionsprogramme zum Ausbau des Schienennetzes ab den 1930er Jahren noch im Zeichen einer exakten Vermessung und Vernetzung des nationalen Raumes, so kehrt Birri diese strategische Dimension auf verschiedenen Ebenen um. Der wegweisende Dokumentarfilm "Tire dié" (Einen Groschen, 1960) zeigt die Eisenbahn als Medium der Trennung sozialer Welten, das pikareske Roadmovie "Los inundados" (Die Überfluteten, 1961) setzt dann ihre komische Indienstnahme durch die populären Kulturen in Szene. Beide Werke unterminieren auf je eigene Weise offizielle Ideologien der Effizienz und Mobilität, um dahinter alternative gesellschaftliche Modelle konstruieren.
Mobilitäten und Immobilitäten: Migrationsrouten durch Kolumbien und Mexiko - Stephanie Schütze (FU Berlin) - ONLINE
Die COVID-19-Pandemie hat in den Amerikas deutliche Einschränkungen der Mobilität von Migrant/innen bedeutet. Seit dem Ende der Pandemie hat die Mobilität wieder stark an Intensität zugenommen. Kolumbien und Mexiko sind zwei Länder im süd- und nordamerikanischen Migrationskorridor, die hohe Zahlen der Transmigration verzeichnen, deren Regierungen aber auf sehr unterschiedliche Weise darauf reagieren. Migrant/innen sind in diesen Szenarien mit unterschiedlichen Hindernissen konfrontiert, ihre Migrationrouten sind nicht linear, sondern beinhalten auch Phasen der Immobilität. Der Vortrag wird auf die aktuellen Bedingungen von Migrant/innen auf den Transitrouten durch Kolumbien und Mexiko eingehen, um die Komplexität zu analysieren, mit der die Menschen in den aktuellen Migrations- und Flüchtlingsregimen in diesen Ländern konfrontiert sind.
Turismo en automóvil y roadscapes en Argentina (1920/1970) - Melina Piglia (Mar del Plata/CONICET) (Spanisch) - ONLINE
Desde los años 1920 los automotores se difundieron aceleradamente en la Argentina, que se convirtió en el país de América Latina con más automóviles. En la entreguerra, con más tiempo libre (producto de cambios legales y sociales) mejores autos y, gradualmente, mejores caminos y mejores servicios en ellos, se expandieron el excursionismo en automóvil, la práctica del weekend, y los viajes en automóvil de más largo aliento.
El turismo en automóvil tuvo su apogeo, sin embargo, en los años sesenta, cuando cambios económicos y sociales expandieron el consumo de automóviles entre los sectores medios e, incluso, populares. La masificación puso en tensión a la infraestructura vial, revelando la falta de inversión y las deficiencias en el mantenimiento; desbordó también las capacidades regulatorias del estado y mostró crecientemente la necesidad de producir una nueva cultura del viaje que contemplara prácticas de conducción más seguras y prudentes. A la vez, la era masiva del automóvil produjo nuevos roadscapes: desde los paisajes siniestros (el mapa de obstáculos y peligros que los automovilistas debían sortear) hasta aquellos conformados servicios surgidos en torno del propio camino y que formaban parte de un paisaje del deseo.
Migrant City Making: Über die Gestaltung und Umnutzung städtischer Infrastruktur Rio de Janeiros durch Westafrikanische Migrant:innen - Tilmann Heil (Universität zu Köln)
Ausgehend von meiner Forschung in den 2010ern mit Westafrikanischen Migrant:innen in Rio de Janeiro beschreibe ich, wie sich Neuankömmlinge ein neues Layer städtischer Realität schaffen. Dafür erschließen sie sich bestehende Infrastrukturen in einem Prozess der Umgestaltung, in dem zudem neue soziale und materielle Realitäten das Gesamtgebilde städtischen Lebens verändern. Der Vortrag schafft Verständnis für einen kreativen und selbstbewussten Prozess des Erschaffens materieller und sozialer Möglichkeiten, die weit über herrschende Vorstellungen des bestehenden städtischen Lebens und dessen politischer Gestaltung hinausgehen.
Wohnungsbaupolitik und transnationaler Austausch im Mexiko der 1970er und -80er Jahren: Die Unidad habitacional El Rosario - Katharina Schembs (Universität zu Köln)
In den 1970er und -80er Jahren erlebte der öffentliche Wohnungsbau in Mexiko einen Boom. Während sich andere lateinamerikanische Regierungen unter neoliberalen Vorzeichen aus diesem Bereich zurückzogen, veranlassten die PRI-Regierungen von Luis Echeverría, José López Portillo und Miguel de la Madrid bis Ende der 1980er Jahre den Bau von rund 1,5 Mio. Wohneinheiten. Im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen Ländern blieb der öffentliche Wohnungsbau trotz Öl- und Schuldenkrise Anfang der 1970er bzw. 1980er Jahre somit ein prioritäres sozialpolitisches Projekt. Mit dem Entstehen neuer Wohnviertel, die häufig in Peripherie der Hauptstadt errichtet wurden, stellte sich auch die Herausforderung, diese an städtische Infrastrukturen, wie den öffentlichen Nahverkehr, anzuschließen.
Im Vortrag werden die wichtigsten staatlichen Institutionen und Forschungszentren, die für Stadtentwicklung zuständig waren, vorgestellt. Ein weiterer Fokus liegt auf dem dort tätigen sehr internationalen Personal: Zum einen warben staatliche Stellen explizit Expert*innen, vor allem aus anderen lateinamerikanischen Ländern, an. Zum anderen führte das Exildasein zahlreicher lateinamerikanischer Stadtplaner*innen und Architekt*innen in Mexiko zu einem verstärkten Austausch über Wohnungsbaupolitik. Als Fallstudie dient das ab 1972 von der staatlichen Wohnungsbaubehörde INFONAVIT neu gebaute Wohnviertel Unidad habitacional El Rosario im Nordwesten der mexikanischen Hauptstadt.