zum Inhalt springen

Ringvorlesung Lateinamerika: SoSe 2015

Seit vielen Jahren veranstalten das Zentrum Lateinamerika (CLAC) und der Arbeitskreis Spanien-Portugal-Lateinamerika (ASPLA) eine interdisziplinäre Ringvorlesung zu kultur-, politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Themen mit Lateinamerikabezug. Die Vortragsreihe richtet sich an Studierende aller Fakultäten der Universität zu Köln, an GasthörerInnen, LehrerInnen und SchülerInnen sowie die interessierte Öffentlichkeit und umfasst Beiträge herausragender nationaler und internationaler ExpertInnen verschiedener Fachbereiche.

Materielle Kultur in Lateinamerika

Im Sommersemester 2015 widmet sich die Ringvorlesung der materiellen Kultur: der Kunst, Technologie und Architektur, den Kultgegenständen und Kleidungsstücken, ebenso wie den Dingen des Alltags gegenwärtiger und vergangener Gesellschaften in Süd- und Mittelamerika.

WissenschaftlerInnen aus Ethnologie, Literatur- und Kulturwissenschaften, Soziologie und Geschichte sowie MuseumskuratorInnen und ArchäologInnen nutzen materielle Kultur als Zugang zu Lebenswelten in Lateinamerika. Sie befassen sich mit dem „sozialen Leben der Dinge“ (A. Appadurai), ihren Geschichten, Verwendungsweisen und vielfältigen kulturellen (Be-)deutungen ebenso wie ihrem „Eigensinn“, ihrer „Handlungsmacht“ (B. Latour) – ihren Einfluss auf Kultur, Gesellschaft und Repräsentation. Die Veranstaltungsreihe soll eine Vielzahl von „Dingen“ behandeln – von frühkolonialen Altären aus dem Andenraum und Heiligenbildnissen im portugiesischen Kolonialreich über Alltagsgegenstände und Schriftsysteme indigener Bevölkerungsgruppen bis hin zu argentinischer Gegenwartskunst, nationaler Symbolik und der Repräsentation sozialer Bewegungen.

In den ersten Sitzungen wird in theoretische Grundlagen eingeführt; diese werden im weiteren Verlauf auf den lateinamerikanischen Kontext exemplarisch angewendet werden. Dabei stehen unter anderem folgende Fragen im Zentrum der Debatten: Welche Rolle spielt materielle Kultur in politischen Auseinandersetzungen? Welche Bedeutung hat die materielle Kultur in sozialen und kulturellen Differenzierungsprozessen, wie zum Beispiel in der Konstruktion von Identitäten und Gruppenzugehörigkeiten?

Termine im Sommersemester 2015

Die Ringvorlesung Lateinamerika findet jeweils donnerstags von 17:45-19:15 Uhr in Raum S21 im Seminargebäude statt.

09.04.2015 Dinge als Spiegel der Gesellschaft? Materielle Kultur zwischen Sozialforschung und dem "Unausgesprochenen" Hans Peter Hahn, Frankfurt am Main
16.04.2015 Nation Branding: acerca de los usos y apropiaciones del logo de la Marca Peru Gisela Cánepa, Lima
23.04.2015 Kulturkontakt am Altar. Silberarbeiten als Medien des Bedeutungstransfers im bolivianischen Altiplano des 17. und 18. Jahrhunderts Andrea Niklisch, Hamburg
30.04.2015 El deseo del mineral: Trabajo material, gasto improductivo e intercambio sexual en los enclaves mineros Jorge Pavez Ojeda, Santiago de Chile
07.05.2015 Stille Dinge. Über die Verdinglichung der Trauerarbeit in Argentinien Liliana Ruth Feierstein, Berlin
14.05.2015 Christi Himmelfahrt
21.05.2015 "La sencillez de la materia”: usos y significados en la producción artística en Los Andes coloniales Gabriela Siracusano, Buenos Aires
28.05.2015 Pfingstferien
04.06.2015 Fronleichnam
11.06.2015 Ich sehe was, was Du nicht siehst! Europäische Indianerbilder und indigene Repräsentationen von Europäern in Amazonien Iris Edenheiser, Mannheim
18.06.2015 La uña de la Gran Bestia. O de cómo el alce se transformó en tapir y el tapir, en alce Irina Podgorny, Buenos Aires
25.06.2015 The Materiality of Memory: Playful Family Portraits of the Disappeared in Argentina Jordana Blejmar, Liverpool
02.07.2015 Den Gott machen. Religiöse Objekte im Spannungsfeld zwischen materieller Kultur und Kunst Mona Suhrbier, Frankfurt am Main
09.07.2015 Vortrag entfällt! Raina Zimmering, Berlin
16.07.2015 „Los trajes y vestidos que cada uno avía de traer“: Kleidung und ethnische Zugehörigkeit im Inkareich Kerstin Nowack, Bonn

Dinge als Spiegel der Gesellschaft? Materielle Kultur zwischen Sozialforschung und dem "Unausgesprochenen"

09.04.2015 (Hans Peter Hahn, Frankfurt)

Die Untersuchung materieller Kultur hat, angefangen mit den Reiseberichten Alexander von Humboldts, eine lange Tradition. Gerade für die Befassung mit nicht-europäischen Gesellschaften können die handwerklichen Zeugnisse aus diesen Regionen als frühester Ausgangspunkt einer wissenschaftlichen Befassung mit den fremden Kulturen und als Mittel der Anerkennung von deren Geschichtlichkeit gelten.

Nach einer Phase von eher geringer Beachtung entwickelte sich etwa seit 1980 eine Renaissance der Studien zur materiellen Kultur. Man entdeckte – nicht nur in den „fremden Kulturen“ –, welche umfassenden Aussagen über soziale Strukturen in einer Gesellschaft anhand des Sachbesitzes des Einzelnen und von sozialen Gruppen zu treffen sind. Dinge wurden damit zu wichtigen Elementen semiotischer Modelle. Materielle Kultur wurde damit anerkannt als selbstbewusste Artikulation der Angehörigen von Kulturen, in denen Schrift nicht die gleiche Rolle wie im Westen spielt. In diesem Boom der Studien zur materiellen Kultur ist zudem eine rasche Einwicklung neuer Konzepte zu beobachten. So wurde in den letzten Jahren, u.A. am Beispiel der Achuar, gefragt, welche Weltbilder hinter der symbolischen Aufladung bestimmter Objekte stehen, und ob materielle Kultur nicht auch ein Zugang zu anderen Ontologien bieten könne.

Nation Branding: acerca de los usos y apropiaciones del logo de la Marca Peru

16.04.2015 (Gisela Cánepa, Lima)

El lanzamiento del nuevo logo de la Marca Perú en el año 2011 desencadenó un entusiasmo enorme entre los peruanos que como ciudadanos se sintieron llamados a difundir el logo. Este empezó a circular en distintos soportes, en distintas variaciones y también para distintos intereses. Este hecho fue indicador del éxito de la campaña, pero también implicó una serie de retos para PROMPERU (oficina de promoción del Perú para la exportación y el turismo; del Ministerio de Comercio Exterior y Turismo) que tiene a cargo la gestión de la Marca Perú y por tanto, la regulación del uso del logo. En ese sentido veo el logo y su uso como un campo de negociación entre el estado y los ciudadanos. A partir de una breve revisión de los usos y apropiaciones que los peruanos han hecho del logo me propongo entonces explorar el rol que el logo juega como un instrumento de gobierno y las nociones de nación y de ciudadanía que emergen en ese proceso.

Kulturkontakt am Altar. Silberarbeiten als Medien des Bedeutungstransfers im bolivianischen Altiplano des 17. und 18. Jahrhunderts

23.04.2015 (Andrea Niklisch, Hamburg)

Silber bzw. Silberobjekte bringen als transkulturelle Medien nicht nur aufgrund ihrer Ikonographien Bedeutung hervor, sondern auch durch Zuschreibungen an das Material selbst. Im Verlauf der Missionierung im Vizekönigreich Peru nahm das Silber so einen zentralen Platz ein, da sich in ihm ein christliches Bedeutungsspektrum mit einem indigenen Wertesystem traf. Diese Verbindung förderte nicht nur die Ausstattung, auch von kleinen und abgelegenen, Kirchen mit Silber, sondern war ein wichtiger transkultureller Faktor.

El deseo del mineral: Trabajo material, gasto improductivo e intercambio sexual en los enclaves mineros

30.04.2015 (Jorge Pavez Ojeda, Santiago de Chile)

La actividad minera extractiva constituye un trabajo de intensa explotación de la naturaleza, entendida como pura materialidad mineral. La relación de los mineros con la materialidad mineral incide en los diferentes ámbitos de su vida social, generando formas culturales específicas. Para el caso de los enclaves mineros en el norte de Chile, nos interesa explorar el efecto de las transformaciones de los modos de producción mineros sobre la cultura minera durante el siglo XX, y la transformación consecuente de las relaciones del minero con la materialidad mineral. Específicamente, analizaremos en las formas y lugares en que la relación al mineral conforma una economía libidinal que involucra tanto las lógicas del gasto/consumo minero como las dinámicas de la sociabilidad masculina, la territorialidad cotidiana y los contratos sexuales que se realizan en los asentamientos mineros.

Stille Dinge. Über die Verdinglichung der Trauerarbeit in Argentinien

07.05.2015 (Liliana Ruth Feierstein, Berlin)

Trauerarbeit und Durcharbeitung sind in der Theorie Freuds eng miteinander verbunden – das Ziel beider ist der Abschluss eines Prozesses, das Schließen einer Wunde, um endlich wieder ins Leben "zurückzukommen". Im Falle der Personen, die während der letzten Militärdiktatur in Argentinien “verschwunden” sind, verkompliziert sich diese Trauerarbeit, da es sich um einen Tod ohne absolute Gewissheit und ohne Grab handelt (eine psychologische Herausforderung, die bereits in anderen historischen Kontexten wie der Shoah oder dem Armenischen Genozid auftauchte). Meine Arbeit versucht, ausgehend von einem Motiv, das wiederholt in kulturellen Produktionen über die "desaparecidos" auftaucht - die “Kiste” der Erinnerung, der Resonanz, der Archive oder auch als Sarg und Krypta - die spezifischen Modi, die diese Trauerarbeit in verschiedenen Diskursen und sozialen Praktiken einnimmt, zu analysieren. Ebenso sollen die “Reliquien”, die an den sogenannten Gedenkstätten ausgestellt werden, untersucht werden, da mit ihrer Hilfe, so meine Hypothese, politischen Inhalten ein sakraler Charakter verliehen wird. Diese Gegenstände werden wie religiöse Reliquien behandelt werden, die wiederum eng mit dem politischen Martyrium verbunden sind.

 

"La sencillez de la materia”: usos y significados en la producción artística en Los Andes coloniales

21.05.2015 (Gabriela Siracusano, Buenos Aires)

La condición material pasada y actual de las imágenes producidas en el marco del Virreinato del Perú (s. XVI-XVIII) permite reconocer diversas maneras en que los actores sociales interactuaron con ella. Como testimonio de conocimientos técnicos, como carga simbólica y ritual, como evidencia de flujos comerciales o como signo de prácticas devocionales a lo largo del tiempo, la dimensión material de estos objetos habilita un sinúmero de preguntas y posibles respuestas, para una mayor comprensión de la dinámica que se genera entre cuerpo material e imagen de sentido.

Ich sehe was, was Du nicht siehst! Europäische Indianerbilder und indigene Repräsentationen von Europäern in Amazonien

11.06.2015 (Iris Edenheiser, Mannheim)

Mit der beiderseitig verstörenden Begegnung von sogenannter ‚Alter‘ und ‚Neuer Welt‘ entwickelten sich nach 1492 in Europa vielfältige visuelle Repräsentationen von den Menschen in den Amerikas, deren Humanität anfangs gar infrage stand. Als besonderer Imaginationsraum trat dabei Amazonien als eine fantastische, vorher nie gekannte Naturlandschaft hervor, die es zu entdecken, zu zähmen und zu erobern galt und deren Bewohner_innen zwischen den Extrempolen des menschenfressenden Barbaren und dem unschuldigen, nackten Naturkinde konzeptualisiert wurden. Der Vortrag gibt einen historischen Überblick über europäische Bilder der Indigenen Amazoniens und spiegelt diese, soweit bei einer wesentlich schlechteren Quellenlage möglich, in indigenen Bildern von Europäer_innen. In dieser Gegenüberstellung werden grundlegende Unterschiede in der jeweiligen philosophischen Verfasstheit ‚der Anderen‘ und dem alltagspraktischen und spirituellen Umgang mit ihnen deutlich.

La uña de la Gran Bestia. O de cómo el alce se transformó en tapir y el tapir, en alce

18.06.2015 (Irina Podgorny, Buenos Aires)

18.06.2015 (Irina Podgorny, Buenos Aires)

La conferencia trata sobre el uso de la pezuña de diferentes animales a los cuales se le atribuyeron, además del apelativo de "Gran Bestia", la propiedad de ser un excelente remedio para tratar o protegerse de la epilepsia.

La uña del tapir, del alce y de algunas especies africanas, usada como talismán o preparada en medicameno, fue comercializada en Europa sobre todo a partir del siglo XVII. Su uso y difusión permite rastrear una compleja historia de transferencias e hibridaciones entre tradiciones médicas y culturales de los espacios más diversos.

The Materiality of Memory: Playful Family Portraits of the Disappeared in Argentina

25.06.2015 (Jordana Blejmar, London)

Both during and after the dictatorship photography became a key element in the memory strategies employed by the relatives of the victims. In the context of state terror in Argentina, photos of the disappeared functioned as a catalyst for memory, their materiality even more significant given the forced disappearance of the bodies. Families of the victims still keep them as a material treasure in their wallets and desks or on the walls of their homes, silent witnesses of the daily bustle and everyday activities of those left behind. As ‘objects of exchange’ and ‘memory texts’, passing from one generation to the next, photographs function as a powerful canal of transmission and effective circulators of small pieces of memory. By including the photographs of their parents in artworks, paintings, murals and photographic essays, the children of the disappeared modify the materiality of the pictures to reinforce their status as memorabilia. Ultimately these works test the limits of photography to re-present absence; instead of dismissing photography because of these limits, however, they reinforce the potentiality of photography by combining it with the imagination, experimental technologies and hybrid aesthetics.

Den Gott machen. Religiöse Objekte im Spannungsfeld zwischen materieller Kultur und Kunst

02.07.2015 (Mona Suhrbier, Frankfurt)

In den Kulthäusern der afro-brasilianischen Religion Candomblé im urbanen Raum von Salvador da Bahia transformieren Priester und Gläubige die unsichtbare Tradition in materielle und damit sichtbare Kulturprodukte, wie Hausdekoration, Kostüme, Schmuck, Trommeln, Figuren und Objekte für die Götter. Kulthäuser können als experimentelles Kunstfeld gelten, das zum einen die grundlegenden Prinzipien des Candomblé widerspiegelt. Gleichzeitig wurden und werden die Kulturprodukte des Candomblé und ihre besondere Ästhetik von der nationalen Kunst Brasiliens aufgegriffen, neu interpretiert und für ein breiteres Publikum verstehbar gemacht. Candomblé ist heute eine ultra-moderne Institution im Zentrum einer dynamischen, experimentellen und kreativen Bewegung und verbindet mit seinen sozio-religiösen ästhetischen Kulturprodukten Nachbarschaften, Städte, ethnische Gruppen, Klassen und Geschlechter innerhalb einer komplexen Nationalkultur.

Identitätskonstruktionen in zapatistischen Wandbildern

09.07.2015 (Raina Zimmering, Berlin) Vortrag entfällt!

Die Zapatisten in Mexiko sind eine aufständische indigene Bewegung, die seit 1994 autonome alternative Räume errichtet, in denen sie eigene Lebens-, Arbeits- und Kulturformen verwirklichen, die auch Schutzräume gegen die Existenzvernichtung durch den Neoliberalismus innerhalb des mexikanischen Staates darstellen. Dabei begreifen sich die Zapatisten aber als originärer Teil der mexikanischen Nation. Sie befinden sich dabei in einer Neufindung eines Gebildes zwischen Rückbesinnung auf indigene Traditionen und sozialer und nationaler Erneuerung, die sich fließend zwischen alten und neuen sozialen Bewegungen positioniert. Haben die berühmten Texte des ehemaligen Sprechers der Bewegung Subcomandante Marcos eher die Funktion, die indigene Welt und den Aufstand für die Außenwelt verständlich zu machen und Empathie zu erzeugen, dienen die zahlreichen zapatistischen Wandbilder eher der symbolischen Rückversicherung und Sinnfindung in den indigenen aufständischen Gemeinden selbst. Die Zapatisten ließen das typisch mexikanische Genre des modernen Muralismus als „Madera-ismus“ (auf Holz gemalt) und „Manta-ismus“ (auf Tücher gemalt) wieder aufleben. Die Auftraggeber sind allerdings nicht die Herrschenden und die Produzenten nicht Berufskünstler, sondern die zapatistischen Gemeindemitglieder selbst sind entsprechend ihrer Basisdemokratie die Auftraggeber und Produzenten selbst. Sie verstehen ihre Wandmalerei als „partizipative Kunst“, bei der sich Vergleiche zur Popkultur beobachten lassen. Nationale Symboliken, indigene Mythologie und Genealogie, christliche Bezüge und eine revolutionäre Zeichensprache auf den Wandbildern geben über die symbolisch-synkretistische Basis der zapatistischen Identität und deren politische Ideen Auskunft.

„Los trajes y vestidos que cada uno avía de traer“: Kleidung und ethnische Zugehörigkeit im Inkareich

16.07.2015 (Kerstin Nowack, Bonn)

Im Inkareich war es, so heißt es, der Bevölkerung von ihren Herrschern verboten, andere Kleidung als die bei ihrer ethnischen Gruppe übliche zu tragen. Besonderer Wert wurde darauf gelegt, Kopfschmuck oder Kopfbedeckung beizubehalten.
Nach einer kurzen Einführung zum Inkareich beschäftigt sich der Vortrag mit der Frage, wie man diese Verbote verstehen soll. Wie sah andine Kleidung zu dieser Zeit aus? Welche Arten von Kleidervorschriften gab es? Wie wurden Unterschiede in der Kleidung für die Zwecke des Inkareichs eingesetzt? Ist es möglich, dass die Inka beim Aufbau ihres Reichs überhaupt erst dabei waren, ethnische Unterschiede einzuführen und sichtbar zu machen, eben auch über das äußere Merkmal der Kleidung? Was versteht man in diesem Kontext überhaupt unter ‚ethnischen Gruppen‘?