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Ringvorlesung Lateinamerika WS 2009/2010: 200 Jahre Unabhängigkeit

Allgemeines

Die "Ringvorlesung Lateinamerika" bietet Vorträge zu lateinamerikanischen Themen aus den einzelnen Fachbereichen, die an den Studiengängen BA/MA Regionalstudien und Diplom Regionalwissenschaften Lateinamerika beteiligt sind. Als Gastdozenten werden sowohl deutsche als auch ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eingeladen.

Die Ringvorlesung Lateinamerika ist Teil des Studium Integrale der Philosophischen Fakultät. BA-Studierende der Universität zu Köln können für die regelmäßige Teilnahme Credit Points erwerben. Voraussetzung für den Erwerb der Credit Points im Rahmen des Studium Integrale der BA-Studiengänge oder eine sonstige Bescheinigung über aktive Teilnahme ist die Anfertigung eines Stundenprotokolls zu einer Sitzung.

Für den Erwerb von Credit Points oder einer Bescheinigung über die aktive Teilnahme an der Veranstaltung ist eine Anmeldung über KLIPS notwendig. Die Ringvorlesung Lateinamerika finden Sie als Bachelor-Studierender bei KLIPS unter: Veranstaltungsbelegung > jeweiliger Studiengang > Studium Integrale > PhilFak/HumF - Studium Integrale - Universitas - Veranstaltung (2 CP) > 5343 Ringvorlesung Lateinamerika. Diplom- und Magisterstudierende melden sich, wenn sie eine Bescheinung über die Teilnahme benötigen, ebenfalls bei KLIPS an.

200 Jahre Unabhängigkeit

Im Wintersemester 2009 wird die Ringvorlesung Lateinamerika sich mit dem Thema "200 Jahre Unabhängigkeit" auseinandersetzen. Im Jahr 2010 feiern die meisten Staaten Lateinamerikas den Beginn der Unabhängigkeitsbewegung, auch wenn diese in manchen Ländern früher, in anderen später einsetzte. Die Ringvorlesung möchte ihren Beitrag zur Erinnerung an diese wichtigen Ereignisse leisten und gleichzeitig auf die verschiedenen Aktivitäten des kommenden Jahres vorbereiten. In einem ersten Teil werden der Verlauf und die Folgen der Unabhängigkeit anhand einiger ausgewählter Beispiele vorgestellt. Anschließend werden verschiedene Vorträge die Problematik von Abhängigkeit und Unabhängigkeit, Kolonialismus und Postkolonialismus behandeln und so über die eigentliche staatliche Unabhängigkeit hinaus grundlegende Fragen der Geschichte und Gegenwart Lateinamerikas ansprechen.

Termine im Wintersemester 2009/2010

Die Ringvorlesung Lateinamerika (5343) findet jeweils dienstags, 17:45 - 19:15 Uhr, in Hörsaal F im Hörsaalgebäude statt.

13.10.2009 Thematische Einführung Barbara Potthast (Köln)
20.10.2009 Bolívar in Geschichte und Mythos Michael Zeuske (Köln)
27.10.2009 Der Zusammenbruch der weißen Herrschaft in Saint-Domingue. Überlegungen zu den Ursachen der haitianischen Sklavenrevolution (1789-1794) Oliver Gliech (Berlin)
03.11.2009 Die mexikanische Unabhängigkeit zwischen Volksaufstand und Autonomieeinforderungen Ulrike Bock (Münster)
10.11.2009 Unbequeme Heldinnen: Frauen in der Unabhängigkeitsbewegung Lateinamerikas Barbara Potthast (Köln)
17.11.2009 Kritik, Krise und politische Impotenz: Hispanische Aufklärungen in der alten und der neuen Welt Antonio Sáez-Arance (Köln)
24.11.2009 Der schwierige Prozess der Staatsbildung Neu-Granadas/Kolumbiens, 1808-1830 Hans-Joachim König (Eichstätt)
01.12.2009 Panama - vom Welthandelszentrum zur Kanalrepublik Holger M. Meding (Köln)
08.12.2009 Neuer Sklavenstaat der USA oder freie Nation - Die Kuba-Frage im 19. Jahrhundert und Gegenentwürfe zur kolonialen Abhängigkeit Alexander Trefz (Trier)
15.12.2009 Lateinamerika in postkolonialer Perspektive oder: Che liest "Die Verdammten dieser Erde?" Eva Bischoff (Münster)
22.12.2009 Vorlesungsausfall
05.01.2010 Weihnachtsferien
12.01.2010 Die Zweihundertjahrfeiern zur Unabhängigkeit Lateinamerikas (1810-2010) Walther L. Bernecker (Nürnberg)
19.01.2010 Die Unabhängigkeit und das Projekt einer Nationalliteratur in Argentinien und Chile Katja Carrillo Zeiter (Berlin)
26.01.2010 Tango zwischen Kolonisation und Widerstand - Eine Überblicksskizze zur Geschichte eines politischen Tanzes Franco Barrionuevo Anzaldi (Hamburg)
02.02.2010 Eine "zweite Unabhängigkeit"? Intellektuelle Debatten und soziale Mobilisierungen in den langen 1960er-Jahren Lateinamerikas David Mayer (Wien)

Abstracts

An dieser Stelle finden Sie die Abstracts zu den jeweiligen Vorträgen, soweit uns diese von den ReferentInnen bereits zur Verfügung gestellt wurden.

Der Zusammenbruch der weißen Herrschaft in Saint-Domingue. Überlegungen zu den Ursachen der haitianischen Sklavenrevolution (1789-1794)

27.10.2009

Parallel zur Französischen Revolution fand in den Jahren 1789 bis 1804 in der reichen französischen Karibik-Kolonie Saint-Domingue, dem späteren Haiti, eine eigene Revolution statt. Zunächst getragen von den ortsansässigen weißen Pflanzern, mündete diese in einen Aufstand der schwarzen Sklaven, der zur Abschaffung der Sklaverei, zur Unabhängigkeit der Kolonie und zur Zerstörung der alten kolonialen Eliten führte. Der Vortrag der Ringvorlesung wird sich mit den Ursachen dieses historisch singulären Ereignisses beschäftigen. Zunächst werden die Stellung der Zucker- und Kaffeekolonie in der atlantischen Wirtschaftsordnung des späten Ancien Régime und der Aufbau der kolonialen Gesellschaft analysiert, anschließend wird nach den Faktoren gefragt, die den Zerfall der weißen Ordnung und die Entstehung einer schwarzen Aufstandsbewegung begünstigt haben. Im dritten Teil des Vortrags wird der Untergang der weißen Herrschaft aus ereignisgeschichtlicher Perspektive betrachtet, wobei das zuvor eingeführte analytische Instrumentarium genutzt wird, um das hochgradig paradoxe Handeln der kolonialen Akteure zu erklären, die mit Saint-Domingue die Quelle ihres eigenen Wohlstands zerstörten.

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Die mexikanische Unabhängigkeit zwischen Volksaufstand und Autonomieeinforderungen

03.11.2009

Traditionellerweise sind die Aufstandsbewegungen ab 1810 als Auslöser der mexikanischen Unabhängigkeit angesehen worden. Dies findet auch heute noch seinen Ausdruck in der jährlich aufwändig begangenen Feier des „Grito de Dolores“ am Abend des 15. September, mit dem der Pfarrer Miguel Hidalgo 1810 unter Glockengeläut zum Aufstand gegen die Regierung aufrief. Demgegenüber wurden in den letzten Jahren nicht nur die Auswirkungen der Gefangennahme Ferdinands des VII. und der daraus folgenden Legitimitätskrise, sondern auch die Bedeutung der Verfassung von Cádiz für den Wandel der politischen Ordnung in Amerika verstärkt in den Blick genommen.

Anstatt auf nur eine dieser beiden Entwicklungen zu fokussieren, sollen in diesem Vortrag sowohl die Motive der Aufständischen als auch die Autonomieeinforderungen der Royalisten untersucht werden. Im Zuge eines Überblicks über den Zeitraum von 1808 bis zu der Etablierung des unabhängigen Staates Mexiko soll außerdem danach gefragt werden, welche Wechselwirkungen sich zwischen den beiden Seiten ergaben und in welchem Maße sie zu der Etablierung einer neuen Ordnung beitrugen.

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Unbequeme Heldinnen: Frauen in der Unabhängigkeitsbewegung Lateinamerikas

10.11.2009

Die Unabhängigkeitsbewegung Lateinamerikas ist gemeinhin mit den Namen berühmter Militärführer und Politiker verbunden, doch haben die meisten lateinamerikanischen Staaten auch ihre „Heldinnen“ der Unabhängigkeit. Der Vortrag zeigt am Beispiel verschiedener Frauen, unter ihnen der Weggefährtin von Simón Bolívar, Manuela Sáenz, welche Rolle Frauen in der Unabhängigkeitsbewegung spielten und wie sie in die kollektive Erinnerung eingingen (oder nicht).

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Neuer Sklavenstaat der USA oder freie Nation - Die Kuba-Frage im 19. Jahrhundert und Gegenentwürfe zur kolonialen Abhängigkeit

08.12.2009

Mit dem Verlust seiner letzten Kolonien Kuba und Puerto Rico endete Spaniens Rückzug aus der Neuen Welt im Jahre 1898. Der späte Sieg im Unabhängigkeitskampf gegen das spanische Kolonialregime erklärt sich auf Kuba vor allen Dingen durch einen hohen Anteil an afrikanischen Sklaven und freien Schwarzen in der Gesamtbevölkerung der Antilleninsel. Diese dienten Spanien als Rechtfertigung seiner Herrschaft und Instrument zur Unterdrückung der Kreolen, die hohe Abgaben an die europäische Macht entrichten mussten und denen politische Mitbestimmung vorenthalten wurde.

Als Reaktion auf die koloniale Situation Kubas entstanden (im Wesentlichen) drei Bewegungen, die sich entweder für den Erhalt als Kolonie Spaniens unter Vorbehalt gleichzeitiger Reformen einsetzten (Reformisten), auf einen Anschluss an die Vereinigten Staaten auf wirtschaftlicher Basis der Sklaverei drangen (Annexionisten) oder für die Unabhängigkeit der Insel kämpften (Separatisten). Ziel des Vortrags wird es sein diese Bewegungen zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu beleuchten, wobei besonders auf den Annexionimus eingegangen werden soll, der Kuba am Vorabend des amerikanischen Bürgerkrieges beinahe zu einem bedeutenden Sklavenstaat der USA werden ließ.

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Lateinamerika in postkolonialer Perspektive oder: Che liest "Die Verdammten dieser Erde"?

15.12.2009

Spätestens seit den 90er Jahren widmen sich mehr und mehr Forscherinnen und Forscher Fragen nach der Geschichte und Gegenwart der Dekolonisation, des (Neo)Imperialismus oder der Globalisierung. Zur Analyse dieser Phänomene beziehen sich diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler häufig auf Konzepte und Methoden, die dem so genannten Postkolonialismus zuzuordnen sind. Lateinamerikastudien und postkoloniale Theorie sind dabei lange Zeit ohne engere Verbindungen geblieben. Die Gründe hierfür sind vielfältig: zum einen entwickelten sich die Postcolonial Studies vor allem in anglophonen Forschungszusammenhängen. Zum anderen stellt die historische, politische und gesellschaftliche Heterogenität Lateinamerikas eine besondere Herausforderung dar. In meinem Vortrag werde ich kurz das Forschungsfeld des Postkolonialismus umreißen sowie anhand einiger ausgewählter Beispiele die Chancen und Risiken der Anwendung postkolonialer Theorie bei der Analyse lateinamerikanischer Gesellschaften exemplarisch diskutieren.

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Die Unabhängigkeit und das Projekt einer Nationalliteratur in Argentinien und Chile

19.01.2010

Die argentinische und chilenische Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts stehen nach der Unabhängigkeit der beiden Länder und der Zurückweisung jeglicher Verbindungen zur ehemaligen Kolonialmacht Spanien vor der Aufgabe, einen Kanon an Texten zu liefern, der die historische Dimension der (neuen) Nationalliteraturen offenbart. Gerade die Literatur, so die Argumentation der Literarhistoriker, lasse Rückschlüsse auf die "Seele" der Nation zu, die eben auch eine historische Dimension habe. Eine solche Konzeption zeigt, dass die Frage nach der nationalen Literatur eng verknüpft ist mit der Frage nach der neuen nationalen Identität. Die Schwierigkeit, die sich den Literarhistorikern stellt, besteht im Umgang mit der kolonialen Vergangenheit und ihrer Textproduktion, auf die man angesichts des historischen Charakters der Nation nicht verzichten kann. Welche Lösungen gefunden und wie diese diskursiv konstruiert werden, wird Teil des Vortrags sein. Darüber hinaus wird noch auf allgemeine Fragen der Literaturgeschichtsschreibung eingegangen werden.

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Tango zwischen Kolonisation und Widerstand - Eine Überblicksskizze zur Geschichte eines politischen Tanzes

26.01.2010

Diese Veranstaltung gibt eine Einführung in die Tangoforschung. Sie fragt nach den politischen Konfliktlinien, durch die der Tango seine Entstehung und Wandlung erfuhr. Über eine skizzenhafte historische Rekonstruktion werden hierbei die groben Linien gezeichnet, die den Tango als „argentinische“ Nationalpraxis im jeweiligen Spannungsverhältnis zur internationalen Machtlage konstituierte. Die zugrunde liegende These lautet, dass die Nationalisierung des Tangos als eine politische Auseinandersetzung zwischen Kolonisation und Dekolonisation erfolgte. Die kulturelle Praxis des Tango ist eine politische Praxis in dem um nichts Geringeres gekämpft wird als um die zum Scheitern verurteilte Emanzipation des Kolonisierten gegenüber dem Kolonisierenden.

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Eine "zweite Unabhängigkeit"? Intellektuelle Debatten und soziale Mobilisierungen in den langen 1960er-Jahren Lateinamerikas

02.02.2010

Historische Umbrüche und Zäsuren wie die Unabhängigkeit Iberoamerikas sind gesellschaftliche Erinnerungsorte par excellence. Sie werden von unterschiedlichen Akteuren stets aufs Neue aktualisiert und geschichtspolitisch eingesetzt. Im Jahr 2010 ist es daher lohnend zu wissen, welche Lesarten und Ansprüche ein solches Unabhängigkeitsjubiläum zu anderen Zeitpunkten auslöste.

Hier bieten sich besonders die Bezugnahmen in jener Zeit an, als sich die Unabhängigkeit zum 150. Mal jährte. Damals, in den äußerst bewegten "langen" 1960er-Jahren (1959–1973), herrschte vielerorts das Gefühl, dass die Versprechen der Unabhängigkeit letztlich unerfüllt geblieben waren. In den intellektuellen Diskussionen und politischen Mobilisierungen ging es dementsprechend auch darum, ob eine "zweite Unabhängigkeit" notwendig sei und wie sie erreicht werden könne. Wie nie zuvor erlangten dabei lateinamerikanistische Haltungen (im Sinne einer subkontinentalen konzeptuellen und politischen Perspektive) großes Gewicht. Der Aufstieg der Dependenztheorie ist hier nur das augenfälligste Beispiel.

Im Zentrum des Vortrag steht somit die Frage, wie sich politisch-soziale Auseinandersetzungen, intellektuelle Debatten und die verbreitete Wahrnehmung einer "unvollendeten Unabhängigkeit" in der Zeit des 150jährigen Jubiläums gegenseitig bedingten.

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